Redebeitrag vom Wohnprojektetag 2026 „Hier kannst du Demokratie lernen.“

Ich habe diesen Beitrag genannt: „Hier kannst Du Demokratie lernen.“
Eine Ermutigung.

„Hier kannst Du Demokratie lernen.“
Dieser Satz stammt von unserem jüngsten Mieter.
Frederik ist Anfang 20.
Der Satz war an einen Bewerber für eine freiwerdende Wohnung in unserem Wohnprojekt gerichtet.

„Unser Wohnprojekt“ das ist „Mehr als Wohnen Mecklenbeck“.
Ich bin Mechthild v. Prondzinski und wohne von Anfang an, also seit sechseinhalb Jahren, mit meinem Mann im Projekt.

Bei uns kann man also Demokratie lernen.

Frederik sprach diesen Satz in erster Linie um zu werben, auch um mit Stolz zu verdeutlichen: Bei uns werden Entscheidungen gemeinsam getroffen.

Und es gab in diesem Satz einen leichten Zungenschlag, etwas was nicht gesagt wurde, aber mit etwas Einfühlung mitgehört werden konnte:
Das Nichtgesagte hieß: Und das ist anstrengend, manchmal sehr
anstrengend.

Wir wussten sofort alle, was Frederik meinte.
Er hatte vor allem die regelmäßigen Plenen im Blick: Das Ringen um Entscheidungen.
Im Kleinen geht es vielleicht ums Rasenmähen oder um die Vergabe des Gemeinschaftsraums an andere Gruppen.

Dahinter liegen Themen wie:
Gerechte Arbeitsverteilung, Gerechtigkeit an sich …

Der ernsthafte Wunsch nach Sicherheit und Schutz prallt vielleicht auf das Herzensanliegen größtmöglicher Öffnung für andere.

Große Themen…, oft mit heftigen Emotionen verbunden…

Da prallen Werte und, wie gesagt, Herzensanliegen aufeinander.

Konfliktfähigkeit, Kompromissbereitschaft, Toleranz…
In kaum einer Satzung eines Wohnprojekts dürften diese Worte fehlen. Die anwesenden Bewohner der Projekte wissen das und stehen dahinter.

Aber im Alltag ist es oft mühsam.
Toleranz hin und her … Wenn das Trampolin unter meinem Balkon steht, ist es schwer, tolerant zu sein.

Interessen auszuhandeln, ist anstrengend.
Demokratie ist anstrengend.
Demokratie leben bedeutet: zuzuhören, alle mitzunehmen.
Es bedeutet Interessenausgleich durch Verhandeln, Suche nach Kompromissen
Es bedeutet auch, sich manchmal zu zügeln in der Wortwahl. Es bedeutet zu warten, bis man dran ist.

Und demokratische Entscheidungen brauchen Zeit.
Manchmal braucht es zeitlichen Abstand, um neu und weniger emotional zu verhandeln. Manchmal braucht es eine ernstgemeinte Entschuldigung für die aggressive Wortwahl, um Türen neu zu öffnen.

Ich bin ein politisch denkender Mensch. Ich habe große, sehr große, Sorge angesichts der Ausgrenzungen, der Aggression, der Abwertungen, der Haudrauf- Mentalität und verbalen Verrohung in unserer Gesellschaft und der Welt.
Die AFD übernimmt möglicherweise bald die Regierungsmacht in östlichen Bundesländern und darüber hinaus.
Ich habe sehr große Sorge angesichts der Diktatoren … und auch der Machthaber in der Welt, denen es einzig um die eigene Macht geht.

Und ich fühle mich oft so hilflos und ich finde alles so komplex.
Außer der Teilnahme an der einen oder anderen Demo fällt mir nicht viel ein.
(Manche von Euch Anwesenden treffe gelegentlich dort.)
Ich fühle mich also oft hilflos …

Aber wenn ich aus einer anstrengenden Plenumssitzung im Wohnprojekt komme, …
in der es uns gelungen ist, uns gegenseitig zuzuhören, Meinungen gelten zu lassen, zu einem Kompromiss zu kommen, bin ich manchmal richtig
glücklich.
Vielleicht kennen das Einige von Euch.

Über 6 Jahre, und zusammen mit der Gründungsphase noch viel länger, üben wir uns in demokratischen Entscheidungen.
Konsensieren statt überstimmen…!

Immer wieder üben wir. Und wenn es uns auch nicht immer gelingt…: Dann versuchen wir es halt noch mal.

Bei uns kannst Du Demokratie lernen … und in anderen Wohnprojekten auch.
Und das ist ermutigend in schweren Zeiten.

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